Kinsau

Der Bahnhof Kinsau, welcher an der Kilometermarkierung 25.0 lag, existiert heute nicht mehr in seiner ursprünglichen Form.

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Das ehemalige Bahnhofsgebäude hatte einst ein steiles Dach, in dem wahrscheinlich noch Zimmer, oder gar eine Wohnung untergebracht waren. Direkt an das Gebäude war die Güterhalle angebaut mit einem hohen Vordach über der Verladerampe. Der Bahnhof lag und liegt – wie die meisten Bahnhöfe entlang der Fuchstalbahn – weit ab vom gleichnamigen Ort.

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Blick aus nördlicher Richtung; oben rechts das Firmengelände von ROPA

Wie an den meisten Bahnhöfen der Fuchstalbahn praktiziert, wurde auch an diesem Holz aus dem nahegelegenen Wald verladen für die Holzverarbeitung und die Papierindustrie. Desweiteren wurden landwirtschaftliche Produkte angeliefert und versandt. Vermutlich wurde auch Vieh zu den Viehmärkten nach Landsberg oder Schongau auf die Bahn verladen. Was einem in Kinsau auffällt, sind die noch vielen vorhandenen Gleise, obwohl einige bereits seit Jahren entfernt sind. In der jetzigen Zeit sieht man noch regen Güterverkehr, der für die ansässige Papierverwertungsfirma ROPA dient. Diese Firma wird noch regelmäßig mit Güterwaggons durch die Augsburger Localbahn bedient. Anhand der Gleisanlagen im unteren Bild, kann man sagen, daß hier schon immer reger Güterverkehr stattfand. Als der Personenverkehr auf der Fuchstalbahn noch aktiv war, diente ein schmuckloser Unterstand im Stil der 70er Jahre als Unterstand. Was aber heute noch bemerkenswert ist, ist dass der Bahnhof relativ moderne Bahnsteigleuchten hat, und das auf einer beachtlichen Länge. Östlich der Bahnlinie – gegenüber der B17 – entstand eine neue Gewerbehalle, wie man es um die Jahrtausendwende inzwischen an mehreren Bahnhöfen der Fuchstalbahn sehen kann.

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Kinsau aus südlicher Richtung gesehen; links das Anschlussgleis zu ROPA

Nachfolgend ein Auszug aus einem Aufsatz von Markus Hehl, Buchloe:

Bayerns erste Zahnradbahn in Kinsau im Heft „Eisenbahn im Allgäu“ (Eisenbahn Kurier-Special 46)

Was fällt einem beim Stichwort Zahnradbahn ein? Vielleicht denkt so mancher an seinen Urlaub im Berner Oberland und an die Fahrt mit einer Zahnradbahn auf das über 3900 Meter hohe Jungfraujoch. Der Name des Dorfes Kinsau wird einem in diesem Zusammenhang aber wohl kaum in den Sinn kommen. Tatsache ist jedoch, dass Bayerns erste Zahnradbahn 1907 in Kinsau gebaut wurde.
Wer heute in Kinsau nach einer Zahnradbahn fragt, erntet auch bei Einheimischen nur ungläubiges Kopfschütteln. Von der alten Strecke ist heute nur noch wenig zu finden: Schotter, verwitterte Betonreste oder ein paar verrostete Eisenteile. In der Zeit um 1897/98 kaufte die Papierfabrik Hegge bei Kempten im Allgäu die alte Erhardsche Sägemühle am Lech in Kinsau. Von 1905 bis 1907 errichtete Hegge eine Holzstoff-Fabrik. Die Stelle war ideal: Der Lech lieferte die nötige Wasserkraft für die Maschinen. Das Holz wurde entweder aus den benachbarten Wäldern herangeschafft oder auf Flößen gebracht. Ein Bach lieferte Wasser zur Gewinnung von Zellulose.
Wie konnte das gewonnene Rohmaterial zur Verarbeitungsstätte in Kempten-Hegge transportiert werden? Zwischen dem Werk und dem Bahnhof Kinsau an der 1886 eröffneten Strecke Landsberg-Schongau lagen nicht nur zwei Kilometer Luftlinie, sondern auch rund 75 Meter Höhendifferenz. Diese Steigung konnte nur durch eine Zahnradbahn bewältigt werden. Ein Bauantrag für eine Zahnradbahn wurde am 7. Februar 1906 eingereicht. Bereits am 15. Juli des gleichen Jahres lag die Genehmigung vor, 1907 begann der Betrieb. Die erste Dampflokomotive lieferte die Maschinenfabrik Esslingen. Ferner übernahm das Werk auch den Bau der gesamten rund 3,5 Kilometer langen Gleisanlage. Der Steigungsabschnitt mit einer Länge von 357 Metern und einer Steigung von 15 Prozent wurde mit einer „Leiter-Zahnstange“ ausgerüstet. Im Mai 1908 kam es zu einem Unfall. Zwei leere Wagen machten sich selbständig und rollten in die Gefällstrecke hinein.
Im Jahre 1913 lieferte die Münchner Maschinenfabrik Krauss eine zweite Lok. Allmählich stellte sich jedoch heraus, daß der umständliche Betrieb auf der Zahnradbahn auf Dauer nicht rentabel war. Das Ende war absehbar. Es kam im Jahr 1928. Das Werk wurde grundlegend umgebaut. Der Betrieb wurde eingestellt. Vier Jahre später waren die Schienen abgebaut. Die Feldwegbrücke am bergseitigen Ende des Zahnradabschnittes wurde im Rahmen einer Militärübung gesprengt.
Damit löste sich die Erinnerung an Bayerns erste Zahnradbahn in Schall und Rauch auf.

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Bahnhof Kinsau aus der Luft; Ruethenfestshuttle am 25.07.1999
Foto: Flugsportgruppe Penzing

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